Zu Gast Gudrun Schönhofer-Hofmann
August 21, 2020
Franz Grünewald Fotograf von Frederike Probert
Zu Gast Frederike Probert
September 22, 2020

Frau zu Haus heißt nicht Hausfrau - auch nicht in Corona-Zeiten


Corona hat uns viel gelehrt!
Corona hat uns gezeigt, dass auch in Deutschland die „Digitalisierung“ kein Zauberwort bleiben muss. Ganze Teams sind von jetzt auf gleich ins Homeoffice marschiert und haben die neuen Herausforderungen gemeinsam gestemmt. Virtuelle Konferenzen werden nach anfänglicher Skepsis zur Selbstverständlichkeit und Mitarbeiterjahresgespräche werden oft mit wirklicher Nähe und gemeinsamem Mehrwert durchgeführt.

Wir lernen ferner vieles über uns selbst und auch über unsere Mitmenschen und Kollegen. Wie reagieren wir in einer Krise? Schauen wir täglich die neuesten Meldungen an und versuchen uns mit möglichst vielen Details zu versorgen, oder blenden wir dieses Thema beherzt aus und bauen auf einen unverwüstlichen Optimismus im Sinne von „wird schon!“

Wir haben darüber hinaus auch einen anderen Blick auf die Dinge gewonnen, die uns guttun und die uns wirklich wichtig sind. Ich persönlich war vor Corona oftmals als Beraterin vier bis fünf Tage in der Woche unterwegs. Dass ich dieses Reisepensum nach Corona (wann immer das ist) reduzieren werde, ist schon jetzt beschlossen.

Und wir haben schließlich auch einen neuen Blick auf die Menschen, mit denen wir uns umgeben. Welche persönliche Gesellschaft haben wir vermisst, und welche Nähe suchen wir? Mit wem ist der Austausch neu und befruchtend, und wer kostet uns eher Energie? Energie, von der wir in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling und Co. nicht mehr viel übrighaben.

Apropos Homeschooling und Co.: Viele Frauen, die ich in meinen Coachings auch während der Coronazeit begleite, berichten, dass die „alten Rollenmodelle“ doch noch nicht aufgelöst sind. Im Gegenteil: Corona fördert in vielen Bereichen die Dinge zu Tage, die nicht rund laufen. Sei es im Team oder auch zu Hause.

Kennst Du das auch? Ältere Angehörige, für die eingekauft werden muss. Hausaufgaben, die virtuell erledigt werden müssen, die Kleinkindbetreuung, die wegen der geschlossenen Kita von zu Hause erfolgen darf? Auf einmal kommen so viele zusätzliche Anforderungen auf uns zu, die kaum zu stemmen sind. Wie geht Ihr damit um? Habt Ihr Euch gemeinsam hingesetzt und habt gemeinsam besprochen, wer wann was machen kann? Oder habt Ihr wie selbstverständlich in den alten Rollenmustern weitergemacht. Nach dem Motto „ich arbeite ja nur in Teilzeit“, also ist das mein Job!

Wir Frauen stehen uns da oft selbst im Weg
Einmal, weil wir uns sofort verantwortlich fühlen, also packen wir an, anstatt zu verhandeln. Außerdem mal „Hand aufs Herz“, tief in uns drin schlummert oft die Überzeugung, dass es perfekt sein muss und somit ist klar, wer die Verantwortung übernimmt.

Ich erlebe Frauen, die die Grenze ihrer Belastung bereits überschritten haben und trotzdem ein Homeschooling Programm durchgezogen haben, das den virtuellen Unterricht jeder Privatschule in den Schatten stellt.

Und nicht nur der Part des Doings ist mit Belastung und dem Zurückrutschen in tradierte Rollenmuster verbunden. Nicht zu unterschätzen ist auch die mentale Belastung! „Mental Load“ ist ein Begriff, der in den letzten Monaten viel diskutiert wurde: Dein Kind ist zum Geburtstag eingeladen? Es gilt nicht nur das Geschenk zu besorgen, sondern auch gedanklich zu planen, was mit dem zeitgleich stattfindenden Musikunterricht passieren soll, wer hinbringt und abholt, wer mitgenommen wird etc.

Natürlich delegieren wir Teilaufgaben an den Partner. In der Regel bleibt die gedankliche Gesamtverantwortung für das gesamte Thema bei der Frau.

Warum geraten wir immer wieder in diese „Falle“, obwohl uns doch vieles klar ist? Interessanterweise wissen wir oft bei Anderen, wie es besser gehen könnte, doch für uns selbst ist es schwer, diese Verhaltensweisen zu integrieren. Natürlich ist es herausfordernd, seine Ansprüche an ein verändertes Umfeld anzupassen. Außerdem liegt dieses Gap auch daran, dass wir häufig ein anderes Selbstbild von uns haben, unser Umfeld erlebt uns meist ganz anders. Wir sind viel selbstkritischer mit uns und auch mit unserem direkten Umfeld (wie Partner und Kinder) als wir es bei Mitmenschen und Kollegen sind.

Beispiel: Ich kann bei einer Mitarbeiterin oder Kollegin akzeptieren, dass sie die vereinbarte Projektzulieferung nicht leisten kann, weil sie gerade sehr gefordert ist. Also mache ich das schnell auch noch eben mit.

Was tun?

Fangen wir erst einmal bei uns selbst an:

  1. Was sind Deine Bedürfnisse?
    Halte einmal inne und überlege wie Du Dich wirklich verhalten würdest, wenn Du für Dich die gleichen Maßstäbe anlegst wie für Dein Umfeld. Wenn Du Dich nicht von den (vermuteten) Erwartungen anderer leiten lässt, sondern Deine eigenen Bedürfnissen (nicht Verpflichtungsgefühle!) mehr Stimme gibst. Würdest Du dann schneller einmal „nein“ sagen oder Dich mit der 80-Prozent-Lösung zufriedengeben? Nur zu, diese Haltung entlastet ungemein und macht zudem noch erfolgreicher.

  2. Was sind nicht Deine Aufgaben?
    Ein Beispiel: Die Hausaufgaben, die Dein Kind in dieser Woche im Homeschooling erledigen sollte, sind noch nicht vollständig und vor allem korrekt erledigt. Das virtuelle Treffen mit dem Lehrer steht an. Ist es wirklich sinnvoll, vorab alles mit dem Kind durchzugehen und dann noch die möglichen Fehler zu korrigieren? Wenn man sich mit etwas Abstand damit auseinandersetzt, und ich bin selbst oft genug in diese Fallen getappt, dann merkt man folgendes: Wir erledigen damit einen Job, der uns im wahrsten Sinne des Wortes nicht vergütet wird und der vielleicht sogar noch kontraproduktiv ist. Denn zum einen wird das Kind nicht die notwendige und sinnvolle Korrektur des Lehrers erfahren und zum anderen haben wir selbst kaum mehr ausreichend Kraft für unseren eigentlichen Job!

  3. Wie gehst Du mit Anderen um?
    Wie auch bei meinen Mitarbeitern solltest Du ganze Bereiche vollumfänglich delegieren bzw. abgeben. Das heißt konkret, wir setzen uns zusammen und schauen, wer was in welcher Form übernehmen kann und will. Das heißt dann auch, dass ich loslasse und akzeptiere, wenn es möglicherweise auf eine andere Art und Weise erledigt wird oder nicht ganz meinen Perfektionsansprüchen genügt.

    Wir können viele Dinge vom Privaten auf das Berufliche übertragen und umgekehrt. Viele Unternehmen sind inzwischen dabei , eine Kultur des „lessons learned“ einzuführen. Frei nach dem Motto: „Was haben wir aus dem Umgang mit der Krise gelernt? Über uns persönlich und über uns als Team? Und was davon wollen wir auch für die Zukunft beibehalten?“

    Privat könnte ich mich genauso mit meiner Familie an den Tisch setzen und diese Fragen besprechen. Wenn ich gelernt habe, dass mich in Coronazeiten die übervolle to do Liste überfordert hat, dann gilt es sie zu kürzen oder Verantwortung zu übertragen. Muss unser Kind gerade jetzt Geige lernen, wenn mich schon das Homeschooling-Programm an den Rand der Verzweiflung bringt? Natürlich führt auch die innere Haltung „wie es besser gehen könnte“, statt „warum es nicht geht“ zu einer fruchtbaren statt einer furchtbaren Diskussion.

  4. Wie strukturierst Du dich?
    Es herrscht das Chaos vor? Wochenpläne sorgen für Struktur und geben allen Beteiligten Sicherheit und Orientierung. Im Unternehmenskontext nutzen viele Abteilungen, nicht mehr nur in der Produktion, Kanban Boards, um sich auf die Schwerpunktthemen fokussieren zu können. Unerledigtes wird so sichtbar, aber auch Erledigtes erscheint dort, und gemeinsam werden kleine Erfolge gefeiert. Warum nicht auch privat? Wenn klar ist, wer was bis wann macht, dann muss nicht ständig darüber diskutiert werden und niemand muss alles ständig im Blick behalten.

Deutschland war viel zu lange Schlusslicht in Sachen „Frauen in Führungsverantwortung“. Deshalb haben sich viele Unternehmen auf den Weg gemacht, dies zu ändern. Denn sie haben erkannt, wie sehr sie von mehr Diversity profitieren: Erstens können sie auf diese Weise dem vielerorts beklagten Fachkräftemangels begegnen. Zweitens schafft Diversity eine Vielfalt an Kompetenzen und Perspektiven im Unternehmen. Drittens gemischt besetzte Führungsteams sind sehr viel erfolgreicher.

Doch viele Maßnahmen zur Förderung von Diversity in Unternehmen sind durch Corona auf Eis gelegt worden. Budgets werden für andere, vermeintlich dringlichere Themen benötigt. Das ist aus Unternehmenssicht nachvollziehbar. Ich bin sicher, dass nach Corona dieses Thema wieder mehr an Fahrt aufnehmen wird.

Und in der Zwischenzeit?
Können wir viel von Unternehmen lernen, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mit den neuen Herausforderungen allein lassen. Es gibt Unternehmen, die sehr kreativ geworden sind. Die Entlastung bieten, wenn die Kitas noch geschlossen sind und Kinderbetreuung gewährleistet werden muss: z. B. durch online Ideensammlung, Austauschforen oder (bei Arbeitszeit-Modellen im Split Office) durch das Angebot, die Kinder in eigens eingerichteten Eltern-Kind-Räumen vor Ort zu betreuen.

Ich habe männliche Vorgesetzte erlebt, die in Videokonferenzen ihre (Klein)-kinder auf dem Schoß hatten und ihre manchmal frustrierenden Erfahrungen mit dem Homeschooling geteilt haben. Das hat Vorbildfunktion und macht Mut zum Austausch.

Doch was darf auf gar keinen Fall passieren?
Dass Corona alte Rollenmuster noch einmal mehr manifestiert! Denn dann können auch Unternehmen mit noch so gut unterstützenden Diversity-Programmen nicht erfolgreich sein. Dann sind wir wieder bei den alten Mythen wie „die Frauen wollen ja gar nicht“. Schon klar, wenn die gesamte „Mental Load“ des eigenen Familienunternehmens auf Dir liegt, dann bleibt nicht ausreichend Energie für die eigene Karrieregestaltung. Welch eine fatale Entwicklung!

Doch auch hier können wir aktiv werden. Wie? Ganz einfach, in dem wir uns über unsere Bedürfnisse klar werden und diese auch äußern.

Der Kick für Ihre Marke ICH

Marke ICH – Training

20. November 2020 in Hamburg